Zweiter tag: Wie schläft man draußen?

Wetterberichtverweigerer

Am nächsten Morgen reiße ich meine Augen auf, weil ich eine Stimme vor meinem Zelt höre. „7 Uhr! Zeit zum Aufstehen! Ich hab‘ Croissants mitgebracht.“

Es ist Willi. Am Vortag hatte er erzählt, dass er immer schon um 5 Uhr aufsteht. Als ich endlich aus meinem Zelt gekrochen komme liegt ein Päckchen mit Croissants im morgentaubefeuchteten Gras vor meinem Zelt. Von Willi ist keine Spur mehr zu finden. Das Zelt kann ich so feucht, wie es ist, sowieso nicht gleich einpacken und der Schlafsack muss auslüften, also verfrachte ich alle meine Sachen in die Hütte, um zu frühstücken.

Als ich in der Hütte hoch blicke sehe ich die von Willi am Vorabend gesammelten Pfandflaschen in einem sicheren Versteck unter der Decke stehen. Das Geld liegt auf der Straße. Ich habe noch nicht alles zusammengepackt, da bekomme ich auch schon wieder Besuch. „Gut geschlafen?!“ Fragt Willi putzmunter, während er vor der Hütte stehen bleibt. „Ganz hervorragend“ sage ich „und vielen Dank für die Croissants!“. „Nichts zu danken, die hab‘ ich an der Tanke umsonst bekommen.“ Sagt er mit einem Augenzwinkern. „Haben sie trotzdem geschmeckt?“ Fragt er. „Spitzenmäßig!“ Entgegne ich schnell, gerührt, dass er so uneigennützig am frühen Morgen an mich gedacht hat.

Kurze Zeit später breche ich auf und auch Willi macht sich ohne größere Verabschiedung auf den Weg. Es scheint für ihn doch mehr zum alltäglichen Leben zu gehören mal hier und dort Bekanntschaften zu treffen und rasch weiter zu ziehen.

In der nächsten Zeit werde ich noch sehr häufig an diese Begegnung zum Auftakt denken.

Der Morgen startet sonnig und ich radle, froh über den abwechslungsreichen ersten Tag und Morgen, durch die Felder in Richtung Koblenz. Auf dem Weg halte ich an, um die von mir mit meinen Aufklebern verzierte Mappe mit Acryl zu bemalen.

Aus Prinzip schaue ich auf meinen Reisen nie nach dem Wetterbericht, da man sich am Ende bei schlechter Vorhersage nur im Voraus ärgert, im Endeffekt aber trotzdem einfach weiter radelt :D.

Blöd ist nur, wenn man gerade zeichnenderweise die Sonne mit nettem Ausblick auf den Rhein genießt, als das Wetter umschwenkt. Schnell schmeiße ich alle Papiere und Zettel in meine wasserdichten Fahrradtaschen und schwinge mich wieder auf den Sattel.

Da das Unwetter von hinter den Bergen zu meiner rechten aufzieht und der Rhein eine links Kurve macht schließe ich messerscharf, dass ich dem Unwetter davon radeln kann und trete doppelt so schnell in die Pedale. Leider ist das schlechte Wetter etwas schneller als ich und so fegen wir gemeinsam auf Boppard, das nächste Örtchen, zu.

Den menschenleeren Radwegen nach zu urteilen bin ich wohl der einzige, der den Wetterbericht nicht gelesen hat. Ich stelle mir vor, wie die betagteren Radtouristen, die mir am Vortag noch in Hülle und Fülle begegnet waren, gemütlich in einem der Cafés mit Glasfassade direkt gegenüber vom Rheinufer sitzen und die gemütliche Atmosphäre genießen, während sie in den strömenden Regen hinaus schauen.

Und tatsächlich, als ich in Boppard ankomme sind die Lokalitäten entlang des Radweges gut besucht und ich finde Zuflucht unter einem Torbogen. Dort stehe ich und schaue bedröppelt in den strömenden Regen, als ein älterer Herr sich aus dem Stadtkern nähert und mir unter dem Torbogen Gesellschaft leistet. „Soll das den ganzen Tag so weiter regnen?“ Frage ich ihn. Er schaut mich über seine dicken Brillengläser an, tritt einen Schritt näher und sagt: „Ja, schon.“

Ohne größere Anteilnahme an meiner Situation erkennen zu geben. Was ihn aber viel mehr interessiert als das Wetter ist meine improvisierte Handy-Halterung am Lenker. Er deutet darauf und sagt „ich hab’ jetzt auch eins! Huawei. Kann ich aber noch nicht mit umgehen, ist ja ganz anders so ohne Tasten…“ So geht das noch eine ganze Weile weiter, bis er sich verabschiedet und wieder Richtung Stadt verschwindet.

Auch ich entscheide mich trotz des Regens einfach weiter zu fahren. Leider hält der Regen bis auf einige Ausnahmen tatsächlich an und ich versuche mich durch das Hören von Hörspielen abzulenken.

Am Vormittag hatte ich Willi gefragt, ob er mir einen Schlafplatz auf meinem weiteren Weg empfehlen kann. Natürlich hatte er gleich eine Idee parat: „Ja klar, vor St. Goa, da wirst du rechts Fahnen-Masten sehen, da kannst du hoch fahren in den Wald, da steht so ne Hütte, wie hier. Die haben viel breitere Bänke, da kannst du ohne Probleme drauf schlafen! Musst nur die Augen aufmachen, aber du fährst ja mit offenen Augen.“

Suche nach einem Schlafplatz – das verlassene Grundstück

Vor dem los fahren am Morgen klang die Idee noch verlockend, doch wie ich nun unter dem grauen Himmel mit nassen Füßen durch Pfützen fahre erscheint mir der Gedanke die Nacht in einer offenen Hütte im Wald zu verbringen wenig verlockend. So schaue ich mich gegen Abend nach einer Alternative um.

Als ich unter einer Brücke entlang fahre ziehe ich kurz in Erwägung mein Zelt dort geschützt von Regen und Gewitter aufzuschlagen. Mein Gefühl sagt mir, dass ich sicherlich noch einen besseren Ort finden werde und ich fahre – wie sich später herausstellt glücklicherweise- weiter.

Als trete ich nass, durchgefroren und hungrig weiter in die Pedale und bewege mich den Rhein rauf. Einen Kilometer weiter erspähe ich ein verlassen aussehendes Gebäude. Kurzentschlossen biege ich in die Einfahrt ab und rolle über den groben Kies auf das Gebäude zu. Die „zu verkaufen“ Schilder lassen darauf schließen, dass es zurzeit nicht in Benutzung ist.

Als ich um das Gebäude, welches sich als verlassenes Restaurant herausstellt, herum rolle entdecke ich dahinter ein Dach, bewachsen von wildem Wein, der perfekten Regenschutz bietet. Ich parke mein Fahrrad darunter und steige ab. Erschöpft setze ich mich neben meinem Fahrrad auf den Boden.

Ich frage mich, warum ich mir den Stress antue: die Suche nach einem Schlafplatz, das schlechte Wetter, die einsamen Momente und das teilweise öde entlang rollen auf Fahrradwegen, die ich ohnehin schon kenne und auf denen man bei schlechtem Wetter keine Menschenseele trifft. Ich frage mich warum ich mich diesem Wetter aussetze und sehe ein, dass es Gold wert ist ein Dach über dem Kopf zu haben.

Ich zitiere aus einem Eintrag in mein Tagebuch an diesem Abend: „Ooh ich freue mich auf Mainz. Dieser scheiß Regen. Meine Gedanken gerade: Ein Zuhause haben ist GOLD wert. Der Mensch hat Dächer und Häuser zu einem Zweck erfunden. Das nervt doch voll. Einsam. Kalt. Hunger!“

Ich frage mich, inwieweit die Reise mir, meinem Projekt oder bei was auch immer ich mir dabei gedacht habe weiterhelfen soll. Ich zweifle daran, dass ich als Schlafplatz den richtigen Ort gewählt habe und ärgere mich über den Regen. Beim Gedanken an den nächsten Tag und die Weiterfahrt hält sich meine Begeisterung mehr als in Grenzen und ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden.

Beruhigung

Ich halte inne und atme durch und mir wird langsam bewusst, dass ich gerade einen entscheidenden Gedanken hatte: ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden. Anstatt mich also in Nebensächlichkeiten zu verlieren, wie dem Sinn der Fahrt oder der morgigen Etappe frage ich mich lieber warum das so ist. Mir ist immer noch kalt, also ziehe ich mir meine lange Hose an und die Jacke über. Dann fange ich an zu kochen, obwohl ich mich in keiner Weise danach fühle.

Etwa 20 Minuten später fühle ich mich schon wesentlich besser und die negativen Gedanken sind verschwunden und ich baue mein Zelt auf. Es klart noch einmal auf, sodass ich noch eine tolle Kulisse für ein Foto bekomme, bevor ich mich in der Dämmerung in mein Zelt lege und es wieder anfängt zu regnen. Zwischendurch denke ich immer wieder: „Vielleicht lebt ja doch noch jemand in der Wohnung oben drüber?“ oder „Was ist wenn jemand von der Straße auf das Grundstück fährt?“. Immer wieder höre ich Autos oder Motorräder den knirschenden Kies herauf fahren doch als ich mich umdrehe ist da niemand.

Als ich am Abend im Zelt liege höre ich die Tropfen um mich herum auf den Boden prasseln. Ich denke darüber nach, dass man seinen Gedanken nicht immer blind vertrauen darf. Tatsächlich bringt es einen schon einen großen Schritt weiter sich zu fragen, was einen gerade konkret an der Situation stört und wie man das verändern kann. Häufig sind es so simple Dinge, wie Hunger, Durst oder Unwohlsein mit anderen Umgebungsfaktoren, wie der Temperatur. Die Schritte mit denen man solche „alltäglichen Probleme“ löst können einem als Beispiel dienen für größere Änderungen im Leben, egal mit was man unzufrieden ist. Doch dafür muss man erst einmal wissen, was einen stört. Bei körperlichen Bedürfnissen, so wie bei mir heute Abend, ist es zugegebenermaßen einfacher herauszufinden.

Ich bin jedenfalls froh, dass ich mich wieder beruhigen konnte und schreibe in mein Tagebuch: „Was hätte ich wirklich davon gerade irgendwo auf einer Couch zu sitzen? Sichterheit, Wärme, Geborgenheit. Aber gestern & heute nie erlebt.“ Ich frage mich, ob ich vielleicht, die Art Reisender bin, der bevorzugt zu wissen, wo er am Abend schläft. Gleichzeitig denke ich darüber nach, ob man sich das wohl abtrainieren kann…

Ich liege in meinem Zelt und mittlerweile ist es dunkel geworden. Um mich abzulenken schreibe ich Seite um Seite in mein Tagebuch: „21:11. Ich liege im Zelt. Mal raschelt die Plane über den Boden, mal fährt ein Mofa vor dem Restaurant vorbei, langsamer, dann schneller. Ich höre die Techno-Musik dröhnen aus einem der letzten vorbeifahrenden Autos. Ein Zug. Laut brettert er über die Schienen hinweg. Ich höre trippelnde Schritte die sich über den Steinboden dem Zelt nähern, doch es sind bloß Tropfen, die auf die Blätter des mich umgebenden Gebüschs auftreffen. Der Regen wird wieder stärker und ich bin froh unter dem Dach zu sein.“

Noch weiß ich nicht, dass sich das Wetter am nächsten Tag erstmal nicht bessern wird. Über meinen Gedanken nicke ich ein, um ein paar Stunden Schlaf zu bekommen, bevor ich am nächsten Tag in aller Herrgottsfrühe Richtung Mainz aufbreche…

Danke für’s lesen, ich hoffe die Geschichten und Fotos machen Spaß! Lass es mich gerne in einem Kommentar wissen ?

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