Charsy art on tour – über das Aussteigen, Leben und Überleben

Unerwarteter Besuch

„Das riecht aber jut!“ Sagt der flaschensammelnde Herr vom Nachmittag. „Was ist’n das nochmal?“ Fragt er, während er eine tiefe Nase des aufsteigenden Geruchs einatmet. „Curry.“ Sage ich und mustere ihn. „Hmm, ja genau, lecker, das riecht gut!“ Sagt er, nimmt mir schräg gegenüber Platz und legt sein Päckchen Tabak auf den Tisch bevor er sich eins der mitgebrachten Biere aufmacht. In diesem Moment weiß ich noch nicht recht, was ich von der Situation halten soll, doch gegen Gesellschaft beim Essen habe ich nichts.

„Wie lange lebst du schon auf der Straße?“ Frage ich. „Knapp 14 Jahre. Vor 14 Jahren, da hab‘ ich hier in der Hütte geschlafen. Da hat mich der Doktor aus dem Dorf gefunden. Den hast du sicher auch gesehen. Hellblaues Auto?“ Fragt er. „Kann ich nicht sagen.“ Antworte ich und er ergänzt: „Ist ungefähr 1,70 m groß, mit Brille und Bart.“. „Ja! Das sagt mir was.“ Sage ich und erinnere mich an den Mann mit dem Rauhaardackel. „Ja genau, der ist Heilpraktiker im Dorf. Der kennt sich vielleicht mit den Pflanzen aus! Jedenfalls wir kennen uns seit 14 Jahren. Er bringt mir regelmäßig Essen, Trinken und hilft mir. Ein guter Mann.“

Geschichten, die das Leben schreibt

In den nächsten Stunden folgt eine Geschichte auf die Nächste und das ursprüngliche Bild des Obdachlosen der vor mir sitzt verändert sich. Erst viel später erfahre ich, dass er Willi* heißt.

Im Dorf und in der Umgebung kennt er tatsächlich fast jeden und jeder ihn. „Der da vorhin im weißen Kombi, der arbeitet an der Tankstelle die Straße runter. Die geben mir zu essen.“ In seinem Leben hat er schon als Drucker, Schmied, Härtner und Landschaftsgärtner gearbeitet. Zur Zeit kann man ihn wohl als im weitesten Sinne selbstständig bezeichnen…

…Sein „Wirkradius“ erstreckt sich vom Rhein über die Mosel bis hin zur Luxemburger Grenze, wo er im Sommer mit seinem Fahrrad entlang radelt, wie ihm der Sinn steht und schaut, was die Natur, Mensch und Umwelt so für ihn abwerfen. Sein Motto: Es haben ohnehin alle viel zu viel, warum sollte man nicht das  benutzen, was so abfällt. 

Wahl-Obdachloser – oder doch nicht?

Eins wird deutlich: Willi ist Obdachloser, weil er es so möchte. Mit der Zeit die bereits vergangen ist fange ich eher an ihn als Aussteiger zu sehen und nicht als Obdachlosen im Sinne eines Bettlers. Im Gegenteil: Er möchte vielmehr seinen Beitrag zur Gesellschaft leisten, auf seine Art und Weise, aber nicht “Sklave des Systems” sein.

Spricht man ihn auf das Thema an hört man schnell den Groll gegen „die Reichen“ heraus, die den Hals nicht voll bekommen. Eine Gesellschaft, in der viel zu viele nach Luxuserlebnissen und immer mehr streben, obwohl sie häufig nicht einmal wissen warum.

Dies oft zu lasten der Natur und Umwelt und somit zu Lasten des Menschen selbst. Das Thema Natur liegt ihm sehr am Herzen; eigentlich klar, wenn man das ganze Jahr über draußen ist.

Er kann so gut wie alle Vögel benennen die in den umliegenden Wäldern leben, wie zum Beispiel Elstern, Dolen, Wasserläufer und 4 Bussarde. „Das sind Pärchen.“ Ergänzt er. Auch über die ihn umgebende Pflanzenwelt weiß er viel, doch von Fahrten ins Ausland will er nichts wissen. “Ich sprech’ nicht mal Englisch!” Sagt er.

Doch wenn ich mir ansehe, wie vergnügt er von allem erzählt, was er so in diesem Leben mitnimmt frage ich mich – wieder einmal – , ob man Auslandsreisen überhaupt braucht, um ein erfülltes Leben zu führen.

Was das Leben als Aussteiger einem bietet

Er spricht begeistert von all den Erfahrungen, die er in den letzten Jahren machen durfte. All die Erlebnisse, die ihm zu Teil wurden, weil er die Freiheit hatte zu tun, was immer er möchte, wann immer er möchte.

Über die Jahre hat er verschiedenste Strategien entwickelt, um sich über Wasser zu halten, zum Beispiel fragt er überall nach Dingen die nicht mehr benötigt werden: Planen aus dem Baumarkt, verzinkte Nägel vom Dachdeckerverband, Blechkisten vom Schrottplatz, Brot und Essen vom Vortag und die Liste geht weiter. Er hilft bei der Gartenarbeit, zum Beispiel bei einer alten Frau, die sich nicht mehr allein’ kümmern kann und füttert Tiere, wenn jemand mal im Urlaub ist. Sein Motto: man muss nur wissen, wo man hingehen kann!

Außerdem hat er ein kleines Manuskript geschrieben über sein Leben auf der Straße, welches er mit Tipps und Tricks bestückt hat und nun jedem anbietet der sich als würdig erweist. Ich nehme eins – wer weiß, ob es noch nützlich sein kann.

Egal wen Will in der Gegend trifft, um auf ein kleines Schwätzchen anzuhalten scheint immer Zeit zu sein. So erzählt er von einer ganzen Reihe Radreisender, die im Laufe der Zeit hier untergekommen sind. Das Pärchen aus Deutschland, das mit Hund auf dem Weg Richtung Spanien war oder der Niederländer der fast eine Woche in der Wanderhütte gelebt hat und sogar schon Wäscheleinen gespannt hatte.

All diese Geschichten teilt er mit mir während wir am Picknick-Tisch in den verlassenen Obstbaumplantagen sitzen. „Ich sammle auch die Früchte der Bäume: Walnüsse, Äpfel, Holunderbeeren. Die verkaufe ich oder mach Schnaps daraus. Da kümmert sich ja keiner mehr drum, weil die alle keine Zeit haben! Hier waren mal viel mehr Obstbäume, die sterben alle! Und warum? Einfach weil keiner Bock hat da mal anzuhalten und sich die Zeit zu nehmen ein paar Stunden Äpfel oder Nüsse zu sammeln. Die fahren alle in ihrem Tunnel zur Arbeit und wieder zurück, dabei liegt das Geld wirklich auf der Straße!“

„Einfach weil keiner Bock hat da mal anzuhalten und sich die Zeit zu nehmen ein paar Stunden Äpfel oder Nüsse zu sammeln! Das vergammelt alles. Die fahren alle in ihrem Tunnel zur Arbeit und wieder zurück, dabei liegt das Geld wirklich auf der Straße!“

Zeltaufbau mit Hindernissen

Mir gefällt seine Einstellung und ich frage ihn nach einer spontanen Antwort auf die Frage: Vogel, Pilz oder Ananas. Seine Antwort: „Ich liebe Tiere.“ Sagt er und so zücke ich einen meiner Charsy Art Vogel Sticker und gebe ihn ihm.

Er betrachtet ihn eine Weile wortlos und sagt dann „Wow! Das hab‘ ich gleich gesehen, dass du was drauf hast, als du hier am zeichnen warst heute Nachmittag! Weißt du was? Das ist ne prima Einnahmequelle.“. „Drüber nachgedacht habe ich auch schon.“ Sage ich und nachdem ich gehört habe, wie Willi so sein Geld verdient erscheint es mir in noch greifbarerer Nähe als zuvor.

Der Abend wird langsam zur Nacht und ich beschließe mein Zelt aufzubauen. Clevererweise habe ich meine Stirnlampe an einem unauffindbaren Ort verstaut und die Sonne ist schneller untergegangen als ich gucken konnte und so stehe ich im dunklen vor dem Aufbau meines neu erworbenen Zeltes.

Während ich mit dem Stangen-, Planen- und Heringschaos kämpfe überlege ich schon einfach in der Hütte zu schlafen, schmeiße dann aber einfach auf gut Glück die Plane über das einigermaßen stehende Innenzelt. Willi der die ganze Zeit im Hintergrund gestanden hatte scheint das Desaster nicht zu bemerken. „Du bist ‘n clever Bürschchen, gehst da ganz anders ‘ran an sowas, hab’ ich gleich gesehen.“.

Da es ohnehin nicht regnen soll schmeiße ich meine Taschen durch den Zelteingang und mich gleich hinterher. Willi lobt noch einmal die Person, die sich so ein tolles Zelt ausgedacht hat und fährt dann seiner Wege und ich fange voll von neuen Eindrücken an in mein Tagebuch zu kritzeln.

Und wer von euch…

Zieht nun ein Leben als Aussteiger in Erwägung?

Im nächsten Beitrag…

…Unerwartete Erlebnisse beim aufwachen, wo man sich so überall schlafen legen kann und was einem auf einer Fahrradtour so richtig auf die Nerven gehen kann.

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