Charsy art on tour to spain – der aufbruch

Die Reise beginnt

Wie die folgende Karte verrät ist Charsy Art in Mainz angekommen und die Ereignisse und Gedanken kommen schneller als ich schreiben kann!

Was bisher geschah

Wir beginnen am ersten Tag, an dem ich einen Obdachlosen sowie Schriftsteller und einen „alternativen Elektriker“ getroffen habe. Genau genommen einen Obdachlosen, der garkeiner war, was mich an meiner Definition des Begriffes und meiner Sichtweise auf die Dinge zweifeln ließ und noch jetzt zum Nachdenken bringt.

Wer sich jetzt fragt worum es geht, wie man Obdachlos sein kann und doch nicht und was es für alternative Formen zum klassischen – und an sich schon alternativen – Rad-Reisen gibt, dem sei das Weiterlesen angeraten, viele Bilder inklusive!

Was für ein hektischer Morgen, der Morgen der Abreise! Das kommt davon, wenn man in wochenlanger Planung Energie auf alles Mögliche fokussiert, aber nicht auf den Hosenkauf.

Als ich also am Donnerstag Morgen, Tag des Aufbruchs, auf den Balkon trete muss ich zu meinen Erschüttern feststellen, dass die sommerlichen Temperaturen sich über Nacht Richtung Süden aufgemacht haben und eine eher kühle Witterung geblieben ist. Meine in die Jahre gekommene und dem Zerfall nahe Sporthose erscheint mir plötzlich nicht mehr als optimaler Reisebegleiter.

Die Abfahrt verzögert sich weiter durch diverseste Umpack-, Einpack- und Aussortieraktionen in Anbetracht der Tatsache, dass ich mal wieder die Größe meiner Gepäcktaschen überschätzt habe. Wie immer werde ich wohl in den kommenden Wochen feststellen, was davon alles lieber im Schrank geblieben wäre.

Zwei Stunden später als vereinbart treffe ich meinen Begleiter für die ersten Kilometer am Bonner Rheinufer. Er auf dem Rennrad. Ich auf dem vollgepackten Drahtesel. Er hat eine eher entspannte Tour vor sich, ich hingegen trete kräftig in die Pedale und lasse mir nicht anmerken, dass ich normalerweise nicht mit 20 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit fahre sondern eher mit 14.

Gar nicht so schlecht so zügig voran zu kommen, am Rhein entlang Richtung Süden, wo schon nach kurzem die Grenze zu Rheinland-Pfalz lauert.

Bei meiner Tour in 2018 noch als Meilenstein gefeiert …

… bin ich mir dieses Mal bewusst, dass ich mich nur knapp 15 km von meiner Haustür entfernt befinde.

Entsprechend unseres Tempos sind wir rasch 40 km vom Start entfernt im beschaulichen Bad Breisig, wo sich unsere Wege trennen werden. Zum Abschluss gibt es noch einen kleinen Einkauf im örtlichen Supermarkt, wo ich wie immer davon ausgehe, dass ich „höchstens zwei, drei Sachen“ kaufen werde. Darum kein Korb.

Daraus wurde letztendlich Honig („Ist doch ein super Energielieferant!“), Curry („Dann braucht man nichts anderes mehr zum würzen!“), Karotten, Bananen, Brot und Kondensmilch für den Kaffee.

Dank mangelhafter Stapeltechnik der Waren auf meinen Armen segelt die Kondensmilch ganze drei Regalreihen später vor versammeltem Publikum an der Wurst-Theke in Richtung Boden. Ich schau mich verstohlen um, ob jemand das Malheur beobachtet hat und trage dann die frohe Kunde zur nächststehenden Wurstfachverkäuferin. Diese eilt sogleich mit einem zerfledderten Besen samt Kehrblech herbei. Auf meine Anmerkung, dass es sich um Kondensmilch handle erwidert sie nur „Ist egal.“. OK, also lieb bedankt, Einkauf abgeschlossen und alles in den nicht mehr vorhandenen Platz in meinen Radtaschen gestopft. Den Unfall auf Höhe der Wurstwaren habe ich als Zeichen interpretiert und die Kondensmilch dann doch nicht gekauft.

Es geht weiter

Kurz darauf rolle ich plötzlich allein. Eigentlich hat man nur niemanden mehr der neben einem her rollt und zumindest zeitweilig das selbe Ziel teilt. Doch was ausbleibt sind die angeregten Gespräche, das Lachen und im Endeffekt auch die gemeinsame Zielsetzung. Mit Gesprächspartner und Geschichten sind die ersten Kilometer noch locker runtergegangen. Gute Ablenkung von der Nervosität und den Fragen, die seit einiger Zeit in meinem Kopf kreisen. In den nächsten Tagen sollte ich noch öfter erfahren was man an guter Gesellschaft wirklich hat. Natürlich ist man mithilfe der heutigen Technik niemals so wirklich allein, aber ich glaube das Gefühl, dass einem Tele-kommunikation gibt trügt. Denn, wenn man mit den Personen mit denen man spricht nicht auch einen Moment oder eine Situation teilt, ist das Verständnis des jeweils anderen immer nur bruchstückhaft.

Während ich also weiter rolle habe ich die Chance mich mit meinen eigenen Gedanken zu beschäftigen. Auch die Musik lasse ich aus. Ich überlege, wozu ich das Ganze noch gleich tu. Auf den ersten Kilometern schießen mir zunächst die negativen Aspekte der vor mir liegenden Reise durch den Kopf. Während ich auf bekannter Strecke den Rhein rauf rolle. Meine Gedanken kreisen um Fragen wie: wie soll es mit meinem Projekt weiter gehen? Hab‘ ich überhaupt Bock über meine Erlebnisse und Begegnungen zu schreiben oder erlebe ich die Sachen lieber für mich? Und warum zum Henker habe ich niemanden mitgenommen mit dem ich reden kann!? Denn die nächsten Kilometer in Richtung Andernach, kurz vor Koblenz, beschränkt sich die soziale Interaktion mit meinem Umfeld meistens auf „Hey“, „Hallo“ und „Guten Tag“ in Richtung der vorbeifahrenden Radreisenden, die mein Alter im Schnitt um etwa 30 Jahre übersteigen. „Radreisen scheinen wohl eher was für ältere Generationen zu sein… Zumindest in Deutschland… Oder nur im Juni am Rhein-Radweg?“ Überlege ich… Man sollte die Dinge nicht gleich zu sehr generalisieren.

Abenteuer im Obstfeld

Es wird Nachmittag, die Sonne knallt und mittlerweile radle ich in kurzen Hosen und T-Shirt, während ich kurz vor Andernach in eine mir aus 2018 bekannte ehemalige Obstbaumplantage einbiege, die auch zum Teil noch landwirtschaftlich genutzt wird.

Hier rolle ich durch die Felder zu meiner linken und die dicht bewachsenen Hügel zu meiner rechten. Etwa fünf Minuten nachdem ich den Entschluss gefasst habe, einen Platz zum zeichnen zu suchen fahre ich an einem augenscheinlich verlassenen Gasthof mit vergitterten Fenstern vorbei. Um die Ecke des Gebäudes stehen Picknick-Tische in Reih und Glied neben einer Rast-Hütte, wie man Sie von Wald-Wanderungen kennt, die das Zentrum der Wiese bildet.

Zunächst scheint es wie ein ganz gewöhnlicher Rastplatz, doch zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, wem ich hier in den nächsten Stunden so alles begegne!

Bloß ein Rastplatz..?

Als erstes unterziehe ich die Umgebung einer akribischen Begutachtung. Am einen Ende grenzt die Wiese an das verlassene Gebäude, am anderen Ende an etwa einen halben Meter hohe Brennnesseln. Vor der Hütte eine Schräge Säule zum Aufhängen eines Grillrostes, Feuerstelle inklusive. Ohne Grill und Feuer hat der Anblick der verrosteten Metallsäule unheimlicherweise etwas galgenhaftes. Die Hütte ist prima in Schuss, genau, wie die Sitzgelegenheiten.

Ich habe mich keine fünf Minuten an einem der Picknicktische niedergelassen, da beobachte ich etwas Interessantes an der vorbeiführenden Straße. Ein Mann, wohl etwa Anfang 30 hält knappe 20 Meter entfernt mit seinem vollgefederten Mountainbike vor einer Informationstafel und beginnt diese zu studieren.

Ich beginne aus der Ferne seinen Anhänger zu studieren und auf den ersten Blick erschließt sich mir in keiner Weise, wieso jemand auf derart unpraktische Art sein Gepäck transportieren sollte. Kurzerhand gehe ich rüber zu ihm. „Was für’n Teil is‘ das denn?“  Frage ich ihn und deute auf die im 45 Grad Winkel abstehende „sackkarrenartige“ Konstruktion hinten an seinem Fahrrad. „Das ist mein elektrischer Anhänger!“ Erwidert der Mann, der sich mir später als Markus vorstellt, lächelnd.

Eine etwas andere Fahrradtour

Kurzerhand bin ich in ein Gespräch voller Fachtermini vertieft, von denen ich nur ein gutes Viertel verstehe. Eins ist mir jedoch sehr schnell sehr klar: hier versteht einer wovon er redet. Als ich ihn später frage, was er denn gelernt habe bestätigt sich meine Vermutung und ich lasse mir einen kleinen Auffrischungskurs in Sachen Volt, Watt und Ampere geben, um zumindest ansatzweise zu verstehen, was der Anhänger kann.

Eins wird deutlich: Das Ding hat richtig Power! Allein 13 kg wiegen die im Anhänger gelagerten Akkus, 40 kg der gesamte Anhänger. Die Motoren lassen sich über einen kleinen Hebel am Lenker steuern. Hinzu kommt ein selbstgebauter Fahrradcomputer. Dieser liefert verschiedenste Informationen über die Motorenleistung, abrufbare Kapazität und Geschwindigkeit. Gegen die Leistung die in dem Paket steckt wirkt mein 6 Watt Dynamo mit angeschlossenem Handyladegerät wie … . „Ich könnte damit ohne Probleme 5 Laptops laden.“ Sagt Markus lachend.

Kleines Manko: Die Ladung reicht in der Regel nur für knapp 100 km, danach heißt es: aufladen. Dank der App eStation findet er Ladesäulen in ganz Deutschland, von denen es wirklich überraschend viele gibt. Zum Aufladen nutzt Markus ein Ladegerät der Marke Eigenbau, dass aus zwei Servernetzteilen besteht. Nach etwa einer Stunde rauscht Markus mit seiner Sonderanfertigung weiter.

Echt weit entfernt von meiner Art eine Radreise zu machen, aber wie sagt man so schön “andere Menschen, andere Sitten…”. Oder so Ähnlich. In jedem Fall hatte ich hier jemanden vor mir der seine Passion im Basteln gefunden hat und was gibt es schöneres als einer Sache zu folgen, die einem wirklich Freude macht!

Kunst zur Ablenkung

Nachdem ich meine Nachmittagsmahlzeit – dank des gewohnt stark erhöhten Appetites, aufgrund von Radfahren – in Rekordzeit inhaliert habe, lasse ich meinen Blick über das Gelände schweifen. Es ist zwar schön dort in der Sonne zu sitzen, doch schon wieder nagen die Zweifel an mir. Ich frage mich warum ich das ganze Projekt überhaupt ursprünglich gestartet habe. Frage mich wie es weiter geht und wo es hin geht. An einem gewissen Punkt fällt es mir wie Schuppen von den Augen, was der eigentliche Auslöser für diese Gedanken ist: ich bin unausgeruht und so müde, dass ich am liebsten meinen Kopf auf die Tischplatte legen würde.

Ich nehme Stift und Papier zur Hand und zeichne das Comic Artwork: „Traue nicht deinen Gedanken, wenn du müde bist – ein Schläfchen unter der schmilzenden Sonne“, wobei die Sonne auch als Vulkan interpretiert werden kann, was – wie ich später erfahre – geographischen Bezug zur Gegend in der ich mich befinde hat. (Ein Bild folgt noch! :D)

Weitere unerwartete Gäste

Der nächste Besuch lässt nicht lange auf sich warten und rollt auf einem schwarzen Fahrrad mit vorne angebrachter grauer Transportkiste um die Ecke. Ein Mann steigt ab, etwa sechzig Jahre alt, 1,75 hoch mit Schirmmütze und ansehnlichem Schnauzer der an den Seiten gerade nach unten geht. Akkurat getrimmt. Er winkt mir zu. Ich erwidere die Handlung und rufe „Grüße!“. Er geht  an den Tischen vorbei zu dem Mülleimer an der Hütte und schaut auch hier hinein. „Ich schau bloß ob’s was gibt hier.“ Sagt er, halb zu sich selbst. Auf dem Rückweg bleibt er auf Höhe des Picknick-Tisches an dem ich sitze stehen.

„Tja, was soll man machen, wenn man obdachlos ist.“ Sagt er, während er sich eine Zigarette dreht. „Wir haben hier immer wieder Gäste.“ Ergänzt er mit Blick auf mein Fahrrad. „Hast Glück, dass du am Donnerstag dran bist. Freitags und Samstags is‘ hier alles voller Jugendlicher, die rauchen Shisha und machen die Musik so laut, da tust du kein Auge zu! In der Hütte kannst du schlafen, aber dann geh‘ auf die Bank ganz hinten, an den anderen Stellen ist das Dach undicht. Hinten ist die einzige trockene Bank.“ Fährt er fort. Zwischen den Sätzen macht er hin und wieder Pausen, sodass ich in Erwägung ziehe etwas zu sagen, doch für den Moment möchte ich lieber zuhören, die Situation abschätzen.

Eine interessante Begegnung

„Also in der Hütte bist du von drei Seiten geschützt. Da oben gibt’s nämlich auch Wildschweine.“ Sagt er während er zu den hinter den Brennnesseln ansteigenden bewaldeten Hügeln nickt. „Ich mein‘… Die tun nix. Die können die Anwesenheit der Menschen spüren. Ich bin schon ‚ne ganze Weile hier… Hab‘ sogar ein Manuskript geschrieben über’s Leben auf der Straße. Da steh‘n alle Tipps drinnen: was man dabei haben muss, worauf man achten muss, wem man trauen kann.“ Fährt er fort. „Und was ist dein wichtigster Tipp?“ Möchte ich wissen. „Gib Acht auf deinen Kram! Nimm immer alles mit rein, schließ dein Rad fest und leg‘ dir n Knüppel neben’s Bett.“

„Verdammt.“ Denke ich. „Ich hab‘ gar keinen Knüppel, wie konnte ich den nur vergessen!“ Offensichtlich ein klassischer Anfängerfehler.

Während er spricht hält in den am Eingang befindlichen Parkbuchten ein weißer Kombi, etwa 20 Meter von uns entfernt. Der Mann im Auto bleibt hinterm Steuer sitzen.

„Also heut‘ Nacht kannste hier schlafen, ist kein Problem.“ Sagt er zum Abschied, sattelt seinen Drahtesel und rollt zu dem Auto hinüber. Am Fenster des Wagens hält er an und ich versuche zu hören worüber die beiden sprechen, herauszufinden, ob sie sich kennen. Nur ab und zu dringen Sprachfetzen zu mir hinüber, nicht genug, um zu verstehen worum es geht. Kurz darauf fährt eine Frau auf einem Fahrrad, aus Andernach kommend, an der Szenerie vorbei und klingelt zum Gruß. Meine neue Bekanntschaft winkt. „Kennt der hier jeden?“ Frage ich mich.

Tschüss und Hallo

Um mich nicht weiter in Gedanken zu verlieren greife ich zu Stift und Papier und kurz darauf sind sowohl der Mann auf dem Fahrrad als auch das Auto verschwunden. Kurze Zeit später trifft ein Mann mit dem Auto und zwei Hunden ein, ein Rauhaardackel, ein Spitz. Das hatte der Flachensammler angedeutet, dass das hier ein beliebter Ort für Hundehalter sei. Die beiden Hunde kommen zuerst zu mir herüber. Kurz darauf das Herrchen, etwa 1,70 m groß, Vollbart und Brille. Interessiert schaut er auf meine Zeichnung. „Ist das ein Vulkan oder die Sonne?“ Fragt er. „Das ist eine schmilzende Sonne.“ Korrigiere ich. Er geht weiter. „Denn hier gibt es ja auch viele Vulkane in der Gegend um den Laacher See.“ Fährt er fort. „Ist das Leitungswasser?“ Will er wissen und deutet auf meine Trinkflasche. „Ja, genau.“ Erwidere ich.

Als Vulkan hatte ich das Ganze bis dahin noch nicht betrachtet. Vielleicht eine unterbewusste Verarbeitung meiner Umgebung. Kurz darauf verschwindet der Mann, aber nicht ohne mich zu warnen, dass ich mir nichts mit dem Magen einfangen soll, wegen des Leitungswassers. Ich betrachte mein Kunstwerk als fertig gestellt und beginne damit am Picknick-Tisch meinen Reis mit Karotte, Tomate und Radieschen in ein improvisiertes Curry zu verwandeln.

Beim rausholen meines Göffels aus der Radtasche stelle ich fest, dass ein Zinken abgebrochen ist. „Nicht weiter schlimm“ denke ich, „ich werde ihm trotzdem treu bleiben.“ Kurz darauf bricht mein Esswerkzeug beim Umrühren im Topf in zwei Teile. Na großartig. Ein wahres Qualitätsprodukt: „Made in Sweden“, lese ich auf dem Gabel-Teil und beschließe gerade nie wieder einen Göffel aus Kunststoff zu kaufen als ich von der Auffahrt zum Rastplatz ein Klingeln vernehme.

In der nächsten Folge weitere Geschichten – Charsy Art: Das Unfassbare

So ihr Lieben, danke für’s lesen! 

Die Geschichte geht im nächsten Artikel weiter!

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Jetzt muss ich aber wirklich los zu meinem nächsten Stop, dem Permakulturhof in Bensheim, wer weiß was es hier so zu erleben gibt!

Bis bald!

* Ich habe mir vorbehalten die Namen der in der Geschichte erwähnten Personen zu ändern.