Auf dem weg zum ersten permakultur projekt

Stille im Morgengrauen

Am Morgen wache ich auf, weil um mein Zelt herum eine Geräuschkulisse herrscht, bei der es sich alles andere als gut schlafen lässt. In dem üppigen Gebüsch, dass zum Rhein herunter führt singen und zwitschern unzählige Vögel und ich höre sie so laut, als säßen sie bei mir im Zelt.

Es ist 4:30 und ich strecke todesmutig den Kopf aus dem Zelt. Es ist schon so hell, dass ich die andere Seite des Flusses erkennen kann. Die Hügel, die so aussehen, als wären sie mit Moos bedeckt und die Häuschen, die ich an einer Hand abzählen kann. Es ist kalt und dazu weht eine kühle Brise hinter dem Haus entlang. Einladend.

Ich sehe mich schon bei frostigen Temperaturen gegen den eisigen Gegenwind ankämpfen doch wische den Gedanken schnell beiseite und fange an mein Zelt abzubauen. Als ich unter dem Dach hervortrete und nach oben schaue sehe, dass der hellblaue Himmel nur hie und da von ein paar hellgrauen Wolken verdeckt wird.

Hunger, Hunger, Hunger

Im Vergleich zum Vorabend ist es unglaublich still und mit der Aussicht auf frisches Gebäck aus dem nächsten Ort verlasse ich mit gepackten Taschen meinen Schalfplatz, rauf auf die menschenleere Straße. Als ich in St. Goar, welches gleich gegenüber von St. Goarshausen, auf der anderen Rhein-Seite, liegt, hat natürlich noch alles zu.

Frühaufsteher-Probleme

Ich durchfahre das Örtchen ohne, dass ein einziger Mensch meinen Weg kreuzt. Da ich nichts Anständiges zu frühstücken finde setze ich mich am Ortsausgang am Rhein auf eine Parkbank und schnappe mir den Topf mit dem restlichen kalten Gemüsecurry vom Vortag. Der Reis klebt zusammen, die Konsistenz ist gewöhnungsbedürftig. Ein echt scharfes Frühstück, im wahrsten Sinne des Wortes. Erfüllt quasi den Zweck einer Tasse Kaffee.

Das Wetter bleibt ungemütlich und kalt, als ich weiterfahre. Außerdem hat sich der blaue Himmel entschieden, immer ein wenig weiter in Richtung Horizont zu kriechen, sodass es um mich rum meist grau und diesig ist. Hinzu kommt, dass ich zu spüren bekomme, dass ich wohl doch zu wenig oder zumindest nicht gut genug geschlafen habe. Mich überkommt eine bleierne Müdigkeit, sodass ich es mir gegen sieben Uhr auf einem kleinen Mäuerchen bequem mache und mich ausruhe.

Das Streben nach der Ankunft – Sinneswandel auf der Mauer

In diesem Moment frage ich mich, warum ich es überhaupt so eilig habe. Theoretisch könnte ich auch halb so schnell fahren oder irgendwo noch eine Stunde schlafen. Ich fange an meine Mappe weiter zu bemalen und mich überkommt eine innere Ruhe, wie ich da mutterseelenallein auf der mittlerweile sonnenbeschienen Mauer gleich oberhalb des Rhein-Ufers sitze. Dieses ständige Streben nach dem Ankommen. Das ständige Gefühl, dass es dort, wo man hin fährt besser ist, als da wo man ist.

Gerade, während ich diesen Artikel schreibe bin ich in Strasbourg und habe beim Nachdenken über die Weiterreise ähnliche Gedanken. Ursprünglich wollte ich unbedingt eine Reise mit dem Fahrrad machen, um eben nicht immer zu wissen, wo ich am Abend schlafe, aber sich auf das Abenteuer einzulassen ist – gerade, wenn man alleine reist – einfacher gesagt als getan.

Auf der anderen Seite hat man beim Abreisen auch häufig das Gefühl, das man da, wo man herkommt etwas verpasst. Letztlich sollte man sich am Besten auf sein Bauchgefühl verlassen, dann wird man rückblickend mit seinen Entscheidungen zufrieden sein.

 

Weiter Richtung Mainz

Nachdem ich mich etwas erholt und abgelenkt habe fahre ich weiter und finde leider auch im nächsten Dörfchen, Trechtlinghausen, keinen Bäcker vor. Erst bei meinem nächsten längeren Stop in Bingen habe ich Glück: Ein Bäcker und sogar ein Wochenend-Markt auf dem ich einige Scheiben Käse und 2 hartgekochte Eier kaufen kann.

Mit dem Anlegen von Vorräten muss man auf einer Rad-Tour bekanntermaßen eher vorsichtig sein, es sei denn man reist mit Kühlschrank, was ich nur auf flachen Strecken empfehlen kann 😀

Schlauchautomat, Straßen-Kunst und Naturschutzgebiet

Weitere Highlights dieser Etappe sind für mich der Schlauchautomat am Rande des Radweges. Dieser kommt auf jeden Fall in die Kategorie praktische Automaten am Wegesrand. Im Gegensatz zum 2018 (LINK) von mir entdeckten Mlekomaten in Slowenien probiere ich diesen allerdings nicht aus, kann hier also keine Erfahrung mit euch teilen 😀

Hinter Bingen komme ich an einem (vermutlich) leerstehenden Fabrikgebäude vorbei, welches von außen mit zahlreichen Graffitis verziert ist. Hier halte ich mich eine Viertelstunde und schieße Fotos von der Streetart.

Das letzte Stück vor Mainz führt durch ein ruhiges Naturschutzgebiet mit ruhigen Fahrradwegen. Dieses Jahr kann ich den Streckenabschnitt dank besserer Planung sogar genießen. Ich erinnere mich an 2018, als ich von Koblenz bis Mainz in einem Schwung gefahren bin. Das Ganze auch noch mit viel zu viel Gepäck und  viel zu wenig Proviant, dafür allerlei unnötigem Zeug. Damals wollte ich nur so schnell wie möglich durch den letzten Streckenabschnitt durchkommen, um in Mainz an etwas Essbares zu kommen.

Die Umgebung festhalten

Dieses Mal halte ich regelmäßig an, um Fotos von meiner Umgebung zu schießen. So zum Beispiel von dieser Mohn-Blume, die mir in dem Feld zu meiner rechten ins Auge sticht.

Der Anblick erinnert mich an das Bild „Paysage“ von Joan Miró (1968) bei dem Miró einfach nur ein 1,30m x 1,95m großes Stück Leinwand mit einem kleinen dunklen Fleck in der oberen rechten Ecke bemalt hat. Die Aussage des Bildes in meinen Worten: In der größten Stille kann das kleinste Geräusch gigantisch wirken. Das Bild habe ich erst wenige Wochen zuvor im Miró Museum in Barcelona gesehen und der Anblick der einzelnen Mohn-Blume hat eine Ähnliche Wirkung auf mich.

Bei näherer Betrachtung stelle ich jedoch fest, dass sie gar nicht SO alleine ist!

Auf der linken Seite ist der Fahrradweg von einem Deich geschützt, was mich an eines der Konzepte der Permakultur erinnert: Felder und Anbauflächen können beispielsweise durch aufgeschüttete Erd-Wälle oder noch einfacher durch Bepflanzung mit Hecken, Sträuchern und Bäumen am Rand vor Erosion und Verdunstung geschützt werden. Eine simple aber effektive Methode ganz im Sinne der Gestaltung permakultureller Ökosysteme.

Für mich bedeutet der Wall vor allem einen Schutz vor übermäßigem Wind und so radle ich im Gegensatz zum letzten Jahr ganz entspannt nach Mainz, um mich auszuruhen. Am nächsten Tag steht nämlich der Besuch meines ersten Permakultur Projektes im Odenwald an.